Hier finden Sie einen gemeinsamen Brief vom 12. Juni 2018 von Christian Lindner MdB und Jimmy Schulz MdB an die liberale Fraktion im Europäischen Parlament (ALDE) im Vorfeld der Abstimmung im Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments (JURI) zur EU Urheberrechtsreform, die u.a. sog. Uploadfilter enthält:

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Sehr geehrter Herr Verhofstadt,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der ALDE-Fraktion,

der Schutz der Presse- und Meinungsfreiheit ist ein Kernelement liberaler Politik, die freie Meinungsäußerung eines der wichtigsten Grundrechte für alle Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union – offline, wie auch online. Dafür setzen wir uns auch als Fraktion der Freien Demokraten im Deutschen Bundestag mit Nachdruck ein.

In Deutschland erleben wir gerade, wie durch das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) Entscheidungen über Recht und Unrecht von Meinungsäußerungen der Interpretation privater Unternehmen überlassen werden. Das Gesetz, das mittlerweile leider EU-weit diskutiert wird, verlangt von Anbietern sozialer Netzwerke, rechtswidrige Inhalte innerhalb einer kurzen Frist von 24 Stunden bis zu 7 Tagen aus dem Internet zu entfernen, ansonsten drohen Bußgelder in Millionenhöhe. Bereits in den ersten Tagen nach Einführung dieses Gesetzes zeigte sich, dass die betroffenen Unternehmen im Zweifel lieber zu viel löschten, als zu wenig. Das führt zu einem Overblocking, also einer extrem harten Zensur.

Nun stehen auf europäischer Ebene Pläne zur Diskussion, die eine Infrastruktur schaffen wollen, die noch einen Schritt weiter geht und Inhalte bereits vor Veröffentlichung auf Online-Plattformen einer Prüfung unterziehen würde. Somit könnte im Zweifel eine Veröffentlichung blockiert werden, durch sogenannte „Upload-Filter“. Wir teilen die Befürchtung vieler Kolleginnen und Kollegen im Europäischen Parlament, dass diese Upload-Filter, wie sie im Rahmen der europäischen Urheberrechtsreform diskutiert werden, einer automatisierten Zensur im digitalen Raum gleich kämen. Bereits jetzt gibt es Forderungen, diese Filter auf andere Rechtsbereiche auszuweiten. Upload-Filter sind allerdings kein verhältnismäßiges Mittel, um Urheberrechtsverletzungen und sonstige illegale Inhalte im Netz wirksam zu verhindern.

Angesichts der anstehenden Abstimmung im Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments (JURI) am 20. Juni 2018 möchten wir Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, darin bestärken, sich für die Meinungsfreiheit auszusprechen und gegen die Einführung des unverhältnismäßigen Instruments der Upload-Filter zu stimmen.

Gerade jetzt, da das deutsche NetzDG bereits als Konzept international Schule zu machen droht und Staaten, die es mit der Demokratie nicht so ernst nehmen, als Blaupause für Gesetzesvorhaben zur Meinungskontrolle dient, müssen wir in Europa Vorbild sein, was Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit betrifft. Deswegen appellieren wir heute an Sie, sich auch gegen die Einführung von Upload-Filtern auszusprechen, denn:

  1. Inhalte vor Veröffentlichung auf Online-Plattformen zu filtern und im Zweifel zu löschen, kommt einer Zensur gleich und ist unverhältnismäßig.
  2. Es ist technisch nicht möglich, legale und illegale Inhalte im Internet automatisiert zu unterscheiden (z.B. bei Satire oder Zitaten). Somit kommt es zur Blockierung legaler Inhalte.
  3. Europa muss Vorbild in Sachen Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit sein.

 

Mit liberalen Grüßen,

Christian Lindner MdB

Jimmy Schulz MdB

 

– WORKING TRANSLATION –

 

Dear Mr. Verhofstadt,

Dear colleagues of the ALDE Group,

The protection of freedom of the press and freedom of expression is a core element of liberal politics, the freedom of expression is one of the most important fundamental rights for all citizens in the European Union – both offline and online. As parliamentary group of the Free Democrats in the German Bundestag, we strongly advocate for this right.

In Germany, we can currently observe how decisions, if the expression of an opinion is legal or illegal, is left to private companies’ interpretations, because of the so called Netzwerkdurchsetzungsgesetz (Network Enforcement Act – NetzDG). This law, which is now unfortunately discussed throughout the EU, requires social network providers to remove illegal content from the internet within a short period of 24 hours to 7 days, otherwise they risk fines amounting to millions. Already several days after the law entered into force, it became apparent that the companies better delete too much than too little in case of doubt. This leads to overblocking, i.e. extremely harsh censorship.

At European level, plans are discussed that would create an infrastructure that even goes one step further and would review content even before it is published on online platforms. Thus, in case of doubt, a publication could be blocked by so-called „upload filters“. We share the fear of many colleagues in the European Parliament that these upload filters, as discussed as part of the European copyright reform, would be tantamount to an automated censorship in the digital space.

There are already demands to extend these filters to other legal areas. However, upload filters are not a proportionate instrument for effectively preventing copyright infringements and other illegal content on the internet.

In light of the forthcoming vote in the European Parliament’s Committee on Legal Affairs (JURI) on 20 June 2018, we would like to encourage you, dear colleagues, to speak out in favor of freedom of expression and to vote against the introduction of the disproportionate instrument of upload filters.

Especially now that the German NetzDG threatens to become an international example and could serve as a blueprint for legislative initiatives on opinion control in states that take democracy less seriously, Europe has to be a role model in terms of civil rights and the rule of law. We therefore appeal to you today to also speak out against the introduction of upload filters, because:

  1. to filter contents before their publication on online platforms and to delete them in case of doubt is equivalent to censorship and therefore disproportionate.
  2. it is technically impossible to automatically distinguish between legal and illegal content on the internet (e.g. satire or quotations). This leads to the blocking of legal content.
  3. Europe must set an example in terms of civil rights and the rule of law.

With kind and liberal regards,

Christian Lindner MP

Jimmy Schulz MP